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Die Vertrauenscoaches der Turngemeinde Budenheim, von links:
Dagmar Nicolai, Bahar Schütte, Dieter Korfmann, Monika Schlau, Christian Tolaro, Malika Khatti

Sechs Ansprechpartner engagieren sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene - Keine soziale Ausgrenzung und Chancenminderung durch Verarmung in Budenheim

Soziale Ausgrenzung und Chancenminderung durch Verarmung ist aktuell wie nie und gewinnt immer stärkere Bedeutung. Viele Situationen im täglichen Leben zeigen das soziale Ungleichgewicht. Einen Lösungsansatz bietet die Turngemeinde Budenheim (TGM) mit ihren Vertrauenscoaches. Armutsbetroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben die Möglichkeit, trotz ihrer schwierigen finanziellen Lebenssituation regelmäßig am Vereinssport teilzunehmen und von weiteren Fördermaßnahmen zu profitieren. Die „Vertrauenscoaches“ erhalten vom Verein ein jährliches Finanzpaket zur Unterstützung sozialer Aktionen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie stimmen sich untereinander ab und entwickeln zielgerichtete Initiativen.

An welche Personen richtet sich das Programm „Vertrauenscoaches“?

Bahar Schütte, Diplom-Sportlehrerin bei der TGM: Wir sind sechs Personen und wollen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten ermöglichen. Sport tut dem Einzelnen und der Gesellschaft, nicht zuletzt unserem Verein, gut. Jeder Mensch hat ein Recht auf Sport, und wir wollen sicherstellen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene in unserem Verein Sport treiben können, auch wenn ihnen das Geld fehlt, um beispielsweise die Mitgliedschaft zu bezahlen oder ein neues Paar Turnschuhe zu kaufen. Es ist dabei unerheblich, ob man bereits Mitglied im Verein ist oder es gerne werden würde.

Wie sucht oder findet ihr Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus finanziellen Gründen nicht oder nicht mehr den Weg zum Sportverein finden? Was genau ist euch bei eurer Arbeit als Vertrauenscoach wichtig?

Dieter Korfmann, Vorstandsmitglied der TGM: Wir engagieren uns in unserem Verein für sozial benachteiligte Menschen. Daher schauen wir uns genau um, um zu erkennen, wo Hilfe notwendig ist. Uns ist es dabei wichtig, alles diskret zu behandeln und zu besprechen und die Wege kurz zu halten. Jeder von uns ist Pate für ein Mitglied, das wir im Vertrauenscoach-Programm fördern. Als Pate bauen wir den Kontakt auf und halten ihn persönlich. Wir sprechen mindestens zwei bis drei Mal pro Jahr mit den Mitgliedern im Förderprogramm und können dabei gut die Entwicklung feststellen und weitere Handlungsspielräume abstimmen. Kontaktmöglichkeiten finden sich leicht, beispielsweise im Training oder bei den Veranstaltungen der Turngemeinde. Uns ist wichtig, nicht anonym zu bleiben. Diese Vorgehensweise hat sich in den letzten Jahren bewährt. Unser Türöffner ist unsere Bekanntheit im Verein und dass sich die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen. Wir sind gut organisiert und tauschen uns regelmäßig aus. Die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten funktioniert bestens. Uns kann man gerne ansprechen, denn wir rufen ja nicht ständig: „Wir suchen dich! Wir wollen dich fördern!“ Die Kontaktaufnahme erfolgt daher über uns, die bekannten Trainer, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle und den Vorstand. Wenn wir erfahren, dass ein soziales Ungleichgewicht die Teilnahme am Sport gefährdet oder nicht ermöglicht, beginnt unsere Arbeit erst so richtig.

Was leistet das Förderprogramm und wer kann daran teilnehmen? Gibt es eine zeitliche Befristung?

Bahar Schütte: Die Förderung umfasst für einen festgelegten Zeitrahmen von zunächst einem Jahr beispielsweise die Freistellung vom Vereinsbeitrag. Wir bieten aber auch Sachspenden in Form von Sportkleidung und Sportgeräten. Unsere Zielgruppe sind vor allem Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor dem Hintergrund geringer Einkommen Leistungsberechtigte, die Arbeitslosengeld II/Sozialgeld nach SGB II, Wohngeld nach dem WoGG, Leistungen nach § 2 oder 3 AsylbLG oder Kinderzuschlag nach dem BKGG oder die Hilfe zum Lebensunterhalt/Sozialhilfe nach SGB XII beziehen.

Was erwartet die Turngemeinde von den Mitgliedern im Vertrauenscoach-Programm?

Dagmar Nicolai, Mitglied und Sporttreibende bei der TGM: Diejenigen, die von der TGM gefördert werden, sollen auf jeden Fall Vereinsmitglied sein bzw. werden, denn sie nutzen die Anlage und die Sportangebote. Natürlich gehört es auch dazu, dass die Fördermitglieder regelmäßig am Sportprogramm teilnehmen. Wir erwarten auch, dass sie bei den Sport- und Spielefesten oder anderen Veranstaltungen des Vereins eine Aufgabe übernehmen, beispielsweise die Betreuung von Spielstationen oder Kindern oder der Verkauf von Kuchen oder Getränken. Auch beim Auf- und Abbau sind helfende Hände aller Altersklassen immer willkommen. Damit integrieren wir die Fördermitglieder ganz schnell in der Gemeinschaft. Wir stellen fest, dass sie gerne bereit sind, sich zu engagieren, um dem Verein, der Ihnen ja zur Seite steht und Unterstützung gibt, auf diese Art etwas zurückzugeben. Das ist ein gutes Gefühl – sowohl für die Nutzer des Programms als auch für den Verein. Und für unseren Verein eine große Hilfe, Veranstaltungen zu stemmen.

Wie erleben Sie Armut und soziale Ausgrenzung in Ihrem Verein?

Monika Schlau, Übungsleiterin Pilates bei der TGM: Wir sehen das am deutlichsten, wenn beispielsweise Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt werden können. Oder wenn Leute ihre Kinder aus dem Verein abmelden – obwohl sie gar nicht umziehen. Zugegebenermaßen kommt das nicht allzu häufig vor, aber es kommt vor. Es gibt auch andere Signale, die wir wahrnehmen, und auf die wir reagieren. Uns ist es am liebsten, wir werden direkt von den Betroffenen angesprochen, dass derzeit ihre finanzielle oder persönliche Situation nicht so gut aussieht. So können wir schneller ansetzen. Aber sich derart mitzuteilen, fällt den meisten Menschen schwer. Daher wollen wir Hemmschwellen abbauen und Barrieren niedrig halten. Wer in Notlage ist, soll unbedingt auf uns zukommen. Denn dafür leben wir hier in Budenheim in einer kleinen Gemeinschaft, in der wir füreinander einstehen. Wir sind froh, wenn uns Eltern sagen: „Unser Geld reicht im Moment einfach nicht für den Sportverein.“ Wir richten unsere Aufmerksamkeit dabei nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auch auf alleinerziehende Mütter und Väter und Menschen, die nur wenig Gehalt oder eine kleine Rente beziehen. Sie sind auf Hilfe angewiesen, Hilfe, die wir als Verein gut leisten können.

Wieviele Personen hat die TGM im letzten Jahr gefördert.

Malika Khatti, Mitglied bei der TGM: Letztes Jahr haben wir in unserem rund 1.200 Mitglieder starken Verein immerhin 17 Personen im Vertrauenscoach-Programm tatkräftige Unterstützung gegeben. Wir sind stolz darauf, dass zwölf von ihnen in den nächsten fünf Monaten das Programm verlassen können, da sich ihre finanzielle und persönliche Situation deutlich verbessert hat. Dadurch hat der Verein wieder freie Plätze für die individuelle Förderung neuer Mitglieder.

Welche Maßnahmen führen Sie konkret durch?

Christian Tolaro, Mitglied und Tischtennisspieler bei der TGM: Wir veranstalten jedes Jahr Events für Kinder, zum Beispiel ein Feriencamp und Ausflüge in den Ferien, Übernachtungen in der Turnhalle mit gemeinsamen Frühstück und Abendessen, die wir kostenreduziert anbieten oder beitragsfrei stellen. Wir geben Sachzuwendungen, beispielsweise Alltags-, Sport- und Wettkampfkleidung oder T-Shirts in den Farben und dem Logo unserer Turngemeinde. Dabei handelt es sich sowohl um neue als auch um gebrauchte, sehr gut erhaltene Kleidung. Für attraktive Kleiderspenden sind wir daher immer dankbar. Zu Jahresbeginn haben wir alle Übungsleiter und Assistenten informiert und geschult, so dass auch sie die Augen und Ohren offen halten und den Kontakt zu uns Vertrauenscoaches herstellen. Wir haben auch einen Prospekt entwickelt, der die Arbeit der Vertrauenscoachs gut beschreibt. Nach wie vor sind wir dabei, ein funktionierendes Netzwerk in Budenheim aufzubauen, also Bürger und Unternehmen zu finden, die sich für sozial Benachteiligte stark machen möchten. Hier suchen wir nach Sponsoren, gleich ob es sich hier um Einzelspenden oder beispielsweise die jährliche Übernahme von Beiträgen, die gar nicht so hoch sein müssen, handelt. Viele Menschen möchten wissen, ob und wo ihre Spendengelder ankommen. Wir garantieren, dass jeder Euro, der dem Vertrauenscoach-Programm gespendet wird, zu 100 Prozent den Fördermitgliedern zu Gute kommt. Das ist eine verlässliche Entscheidungshilfe für die Spender: Denn ihre Geld- oder Sachleistungen werden quasi vor ihrer Haustüre an Bedürftige weitergeleitet und sie sind dabei Förderer des Vertrauenscoach-Programms. Spendenbescheinigungen stellen wir übrigens aus.

Was sind die wichtigsten Attribute des Vertrauenscoach-Programms?

Dieter Korfmann: Es ist ein sehr diskretes und für beide Seiten dankbares Programm. Wir freuen uns über jeden Teilnehmer, ob Kind oder Erwachsener, denen wir die Angebote unseres Sportvereins vermitteln können. Gerade für Kinder ist es toll, wenn sie im Verein ihren Bewegungsdrang ausleben und ihr Talent unter Beweis stellen können und einfach einmal im Kreis von Gleichaltrigen und Gleichgesinnten sind. Aber auch ältere Menschen nehmen die Gemeinschaft gerne wahr. Wir geben Unbeschwertheit und ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Damit unterstützen wir von Armut Betroffene und bieten ihnen ein großes Stück Normalität.


 

Vertrauenscoach

Der so genannte „Vertrauenscoach“ wird von ausgewählten Sportvereinen zur Verfügung gestellt und dient als verantwortungsbewusster Ansprechpartner vor Ort. Der Vertrauenscoach verwendet die vom Verein zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel für Maßnahmen und Projekte, die sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Sportverein zu Gute kommen.

 

Haben Sie Fragen zu den Vertrauenscoaches in Budenheim? Dann wenden Sie sich an Bahar Schütte, hauptamtliche Sportlehrerin bei der Turngemeinde Budenheim und erste Ansprechpartnerin bei den Vertrauenscoaches. Sie ist telefonisch erreichbar unter 06139 8788 oder info@tgm-budenheim.de. Alle Gespräche mit ihr oder den Vertrauenscoaches werden absolut vertraulich behandelt.

 

Wer helfen möchte, kann dies mit einer Spende für das Vertrauenscoach-Programm tun:
Spendenkonto IBAN: DE 39 5506 1303 0000 0513 90, Budenheimer Volksbank